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Jakobsweg Portugal – 300 km bis nach Santiago de Compostela

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Im Februar 2018 beendete ich mein Französisch- und Wirtschaftsstudium in Münster aus großer Verzweiflung, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Deshalb habe ich beschlossen, den portugiesischen Jakobsweg zu beschreiten.

 

Im Februar 2018 beendete ich mein Französisch- und Wirtschaftsstudium in Münster aus großer Verzweiflung, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Deshalb habe ich beschlossen, den portugiesischen Jakobsweg zu beschreiten.

Während des ersten Semesters an der Universität wurde mir immer klarer, dass ich mich auf eine andere Art und Weise herausfordern musste, dass ich aus meiner Komfortzone herauskommen musste, um mir selbst einzugestehen: Ich interessiere mich nicht für Wirtschaft und Französisch, überhaupt nicht. Gleichzeitig hatte ich aber keinen „Plan B“.

Was ich dann entschied war, dass ich von allen Orten und Arten des Lebens, die ich vorher gekannt hatte, wegkommen musste.

Schnell kam mir die Idee des portugiesischen Jakobswegs in den Sinn. Zu dieser Zeit war ich kein sehr erfahrener Reisender oder Wanderer. Dies war meine erste Reise, bei der ich ganz auf mich selbst gestellt war.

Aus diesem Grund schien der Jakobsweg perfekt für mich zu sein: Portugal und Spanien sind nicht so weit von Deutschland entfernt, und ich wäre nur vier Wochen von zu Hause weg.

Ich bin den Camino Portugues gelaufen, der in Porto, Portugal beginnt. Erfahrene Wanderer können die Distanz von 250-300 km (abhängig von der gewählten Route) innerhalb von zwei Wochen oder weniger zurücklegen. Ich wollte mir Zeit nehmen und rechnete mit drei Wochen zu Fuß.

Vorbereitung ist alles: Vergiss nicht deinen Pilgerausweis!

Jakobsweg Portugal Meditation Yoga Berg

Die Erfahrungen, die ich auf dem Weg gemacht habe und wie ich mich selbst immer mehr kennengelernt habe, waren mehr als bereichernd und bis heute vermisse ich oft die Zeit auf dem „Camino“, wie es unter Pilgern heißt. Lasst mich ein paar Eindrücke von meinem Camino teilen! Falls du noch nie vom Jakobsweg gehört hast oder daran interessiert bist, ihn zu gehen, findest du am Ende des Artikels einige Informationen!

Nach ein paar Wochen harter Arbeit war der Tag der Abreise endlich gekommen. Ich wusste nicht wirklich was mich erwartet, also war ich ziemlich nervös. Aber die wichtigsten Dinge wie meine Wanderschuhe oder Pflaster waren gepackt, damit nichts schief gehen konnte…

Der Camino Portugues startet in Porto, das war mein erstes Ziel. Bevor ich losging, wollte ich zwei Tage in Porto verbringen, denn diese Stadt ist wirklich eine eigene Reise wert! Die Altstadt ist wunderschön, es gibt kilometerlange Strände und sehr coole Bars und Restaurants.

Zwei Tage später – ich füllte meine Wasserflasche auf, kaufte ein paar Bananen auf dem Markt und ging zur alten Kathedrale in Porto, dem offiziellen Startpunkt der Camino Portugues. Als ich dort ankam, bekam ich meinen ersten Stempel in meinem Pilgerausweis, was mich wirklich stolz machte.

Porto – Der Startpunkt des Camino Portugues

Camino de Portugues Porto

Die erste Strecke, die ich zurücklegen musste, war ungefähr 23 km von Porto bis zu einem Campingplatz in der kleinen Stadt Lavra. Obwohl ich es nicht gewohnt war zu wandern und vor allem nicht mit einem 10 kg-Rucksack, war ich sehr motiviert und optimistisch. Aber das würde sich in den nächsten Tagen schnell ändern, ich ahnte es bereits ein bisschen …

Ich lernte einen jungen Mann kennen, der auch auf dem Camino unterwegs war und wir hatten einige sehr interessante Gespräche, bei denen die Zeit sehr schnell verging. Alles schien so einfach zu sein! Nach ungefähr 17 km machte ich eine Pause, die vielleicht etwas zu lang war… und als ich weitermachen wollte, taten meine Beine wirklich sehr, sehr doll weh…

Ich hatte Schmerzen in Bereichen meiner Beine, die ich noch nie zuvor gefühlt hatte und meine Schultern und Knie zitterten. Aber ich hatte keine andere Möglichkeit außer weiter zu gehen und zu hoffen, endlich anzukommen.

Dies war die erste Lektion, die der Camino mir erteilte: Wenn du etwas erreichen willst, sei stolz, aber entspanne nicht zu lange, da du sonst einige Schritte zurück fällst. Am Abend kam ich endlich an und schlief sofort wie ein Baby.

Der Camino führt dich durch wunderschöne Weinfelder

Jakobsweg Portugal Weinfelder

Der folgende Tag war sehr schwer für mich. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich und meinen Körper überschätzt hatte. Also änderte ich meine Pläne und verkürzte die täglichen Entfernungen auf 10 bis 12 km. Natürlich hatten sich die ersten Blasen gebildet, was das Gehen noch schmerzhafter machte.

Da ich immer früh am Morgen aufbrach, kam ich sehr früh bei der Unterkunft an, um mich am Nachmittag auszuruhen zu können und nette Gespräche und Drinks mit anderen Pilgern zu haben. Das war das, was den Camino so besonders für mich machte.

Du lernst neue Leute kennen und es ist, als ob du sie seit Jahren kennst. Sie teilen Ihre Sorgen, Schmerzen und Gefühle mit dir und das Verabschieden in den frühen Morgenstunden ist sehr emotional. Manchmal triffst du sie wieder, was oft sehr lustig ist.

Wandern mit 10kg Rucksack – Das war mein Körper nicht gewohnt

In Valencia traf ich drei schottische Studenten, Linda, Rudiah und Kevin. Kevin hatte große Knieprobleme und konnte am nächsten Tag nur sehr langsam laufen. Als ich an ihm vorbeiging, sah ich, dass er Schmerzen hatte und nur mühsam ging.

Ich konnte nichts für ihn tun, aber ich erinnerte mich, dass ich ein paar Kekse in meinem Rucksack hatte, also legte ich alle hundert Meter einen auf Steine, Baumstümpfe oder Zaunpfähle für ihn. Am Abend kam Kevin und umarmte mich. Er sagte, ich hätte ihn zum Lachen gebracht, obwohl er große Schmerzen hatte, was mich wirklich glücklich machte.

Aber währenddessen hatte ich auch mit meinen eigenen Schmerzen zu kämpfen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ungefähr zehn Blasen an jedem Fuß. Und ich wusste nicht wirklich wie ich damit umgehen sollte, sodass es nicht besser wurde.

Ich habe mich jeden Tag gefragt: Warum machst du das, warum?

Aber gleichzeitig wurde das Gehen zu einer Sucht – als würde mich etwas nach vorne treiben, als gäbe es einen großen Willen, etwas zu finden. Ich weiß nicht was.

Ich traf zwei Holländer, die ebenfalls verletzt waren und wir sangen zusammen „Always look on the bright side of life…“, während wir gingen, was mich den Schmerz für eine Weile vergessen ließ.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich den höchsten Punkt des ganzen Jakobsweges besteigen musste. Der Berg, von dem ich spreche ist nur 400 m hoch, aber mit einem 10-kg-Rucksack fühlt es sich wie 800 m an.

Der Weg führte steil bergauf. Die Pilger kletterten eher als zu wandern, da der Weg sehr steil und rutschig war.

Der Rucksack macht es sehr schwer das richtige Gleichgewicht zu finden, so dass ich mich die ganze Zeit sehr konzentrieren musste. Ein falscher Schritt, ein Ausrutscher hätte meinen Camino stoppen können. Oben anzukommen war atemberaubend, es gab einen Bauern, der den Pilgern kostenloses Wasser gab und für eine halbe Stunde legte ich mich auf den Boden und genoss die Aussicht.

Santiago De Compostela: Nur noch 40 Kilometer entfernt

Jakobsweg Portugal Autobahn

Und dann waren plötzlich nur noch 70 Kilometer übrig, was nur noch 4 Wandertage bedeutete. Der Schmerz war immer noch mein täglicher Begleiter, aber ich akzeptierte ihn irgendwie und gewöhnte mich daran. Zwei Tage später sah ich ein Verkehrsschild mit der Aufschrift „Santiago de Compostela: 40 km“.

Ich erinnere mich sehr gut an diesen Moment, weil mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich mehr als 200 km hinter mir gelassen hatte. Kein einziger Bus, Taxi, Zug, Auto, … zu Fuß. Mit gemischten Gefühlen, Stolz auf der einen Seite und Trauer auf der anderen Seite, dass meine Zeit auf dem Camino bald vorbei sein würde, setzte ich meinen Weg fort.

Ich wollte meinen letzten Wandertag genießen und wählte Teo als meine letzte Station vor Santiago de Compostela mit nur elf Kilometern Entfernung. Ich werde den Tag, als ich in Santiago angekommen bin, nie vergessen.

Zum ersten Mal hatte ich überhaupt keine Schmerzen und als ich durch die Straßen von Santiago schlenderte, fühlte es sich an, als würde mich die Kathedrale wie ein Magnet zu sich ziehen. Den Weg nicht zu finden war unmöglich.

Ich kam zur gleichen Zeit wie viele andere Pilger am großen Platz vor der Kathedrale an. Plötzlich, bevor ich überhaupt bemerkte, dass ich angekommen war, griff einer von ihnen nach meiner Hand und zusammen mit ungefähr 20 anderen Pilgern rannten wir in Richtung Kathedrale und feierten ein kleines Fest.

Ich hatte noch nie einen von ihnen gesehen, aber wir umarmten uns, lachten und vergossen Freudentränen. Die Atmosphäre war unglaublich, Hunderte von Pilgern kamen mit dem Fahrrad, Pferd oder zu Fuß an.

Ankunft an der Kathedrale von Santiago De Compostela

Camino de Portugues Santiago de Compostela Kathedrale

Ich saß dann sehr lange vor der Kathedrale und beobachtete wie Leute ankamen, während ich auf meinen Camino zurückblickte. Ich habe in diesen drei Wochen so viel gelernt. Nicht nur über das Leben, sondern auch über mich. Jeden Tag musste ich über mich und meinen Körper nachdenken, was sehr schwer sein kann.

Ich habe so viele tolle Menschen mit interessanten Lebensgeschichten kennengelernt und atemberaubende Landschaften gesehen. Während der Wanderung bin ich an meine Grenzen gestoßen, habe gelernt, dass sich harte Arbeit auszahlt, und habe mich mehr um die Bedürfnisse anderer Leute gekümmert.

Das Teilen von Pflastern kann so erfüllend sein wie das Teilen einer Flasche Wein… Ich kann diese Erfahrung wirklich jedem empfehlen, der eine „Auszeit“ benötigt. Denn auf dem Camino passiert buchstäblich alles in einer anderen Zeitzone. Sei mutig, sei offen, mach es!

 

Informationen und Tipps zum Jakobsweg in Portugal

Camino de Portugues Tipps und Tricks

1. Jakobsweg – Was zum Teufel?

Die Jakobswege – es gibt viele in ganz Europa – führen dich durch die Orte, an denen der Apostel Jakobus den christlichen Glauben verbreitet haben soll. Was sie verbindet ist, dass sie alle nach Santiago de Compostela in Spanien führen, wo du das Grab des heiligen Jakobus findest.

Hunderte von Jahren gingen Menschen aus religiösen Gründen auf dem Weg nach Santiago de Compostela, doch es wird immer mehr zu einer spirituellen und sportlichen Attraktion. Du kannst zwischen vielen Jakobswegen wählen. Sie unterscheiden sich in Schwierigkeitsgraden und natürlich in der Dauer.

Die beliebtesten Routen starten in Portugal, Frankreich und Spanien. Als die meisten Menschen von einem Pilgerweg wie dem Jakobsweg hören, denken sie, dass sie religiös sein müssen um dorthin zu gelangen. Das musst du wirklich nicht, das verspreche ich dir. Persönlich habe ich alles für mich getan, ohne religiöse Absichten genau wie viele, viele andere Pilger, die ich getroffen habe.

Aber jeder, der einmal auf dem Camino war, wird bestätigen: Es liegt ein besonderer Spirit in der Luft und unter den Pilgern. Die Zeit vergeht schnell und wird gleichzeitig gestoppt. Und sobald du zu Hause bist, vermisst du die täglichen Schmerzen in deinen Beinen und deine neuen Freunden. Mit denen du gelacht, geweint, gelitten hast und betrunken wurdest, durch zu viel schlechtem Wein.

2. Okay – aber woher weiß ich, wo ich lang gehen muss?

Auf dem Weg befinden sich gelbe Pfeile, die dich zu Unterkünften und schließlich zur Kathedrale in Santiago de Compostela führen. Hört sich zu einfach an? Vertrau mir, es ist so einfach! Auf dem Camino Portugues hatte ich keine Probleme auf dem richtigen Weg zu bleiben.

Außerdem gibt es sehr gute Pilgerkarten, die du online bestellen kannst. Ich kann sie dir wirklich nur empfehlen, da die meisten auch Informationen zu Unterkünften und Wanderbedingungen beinhalten.

3. Walk, Eat, Sleep, Repeat… Wo?

Mach dir keine Sorgen, du musst nicht in der Wildnis schlafen und dich von Beeren wie unser alter Freund Apostel Jakobus ernähren. Ein Pilger zu sein ist in den letzten Jahren sehr einfach geworden. Auf den beliebten Routen fällt es dir nicht schwer, in den Pilgerunterkünften ein Bett für die Nacht zu finden.

Sie sind sehr billig und die meisten von ihnen sind sauber. Bring Ohrstöpsel mit, du wirst dir ein Zimmer mit vielen anderen (schnarchenden) Pilgern teilen.

Es war für mich nie ein Problem, einen schönen Platz zum Essen zu finden. Es gibt sehr schöne Restaurants, die sogar Pilgermenüs zu sehr guten Preisen anbieten. Viele Einheimische verdienen Geld indem sie Pilgern, die an ihren Häusern vorbeikommen, Getränke und Snacks anbieten.

4. Die wichtigsten Dinge zu bringen

Wanderschuhe: Ob du den Camino genießen kannst oder die ganze Zeit leiden musst, hängt von deinen Schuhen ab. Unterschätze nicht den Wert guter Wanderschuhe, sie sind wirklich ein Muss. Denke daran, sie einzulaufen. Das habe ich nicht getan. Nicht meine beste Idee!

Pflaster: Ich habe noch keinen Pilger getroffen, der nicht mindestens eine Blase hatte …

Dein persönlicher Pilgerausweis: Bevor du deine Reise beginnst, musst du einen speziellen Pilgerausweis bestellen. Mit dem Pilgerausweis kannst du unterwegs in den Pilgerunterkünften übernachten. Dies ist ein sehr wichtiges und unbedingt erforderliches Dokument!

Hier kannst du deinen Pilgerausweis bestellen.